Allein unter Vielen

Du bist ein Teil der Gesellschaft, gehst einem geregelten Job nach, treibst regelmäßig Sport, nimmst am öffentlichen Leben Teil. Du bewegst dich täglich unter einer Vielzahl von Menschen. Arbeitskollegen, Vereinskameraden, Menschen beim Einkaufen, Spaziergänger im Park. Sie alle sind Teil eben jener Gesellschaft, in der du dich tagein tagaus bewegst.

Deine Arbeit efüllt dich – du hast Spaß an deinem Job. Das Programmieren von Software-Applikationen bringt deine Stärken hervor. Logisches Denken, Erkennen und Lösen von Problemen, strategisches Arbeiten, stetiges Dazulernen und Kennenlernen neuer Techniken.

sports
Tägliches Training

Nach der Arbeit begibst du dich meistens zum Training. Schwimmen, Laufen, Radfahren. Du bist aktiv, hälst dich fit und in Bewegung. Deine Fahrten zum Training erledigst du zumeist mit dem Fahrrad. Du siehst es nicht als Zusatz zu deinem Training. Du tust es, weil du dich gut fühlst, wenn du in Bewegung bist. In deinem Verein kommst du gut zurecht – es gibt niemanden gegen den du Groll hegst oder mit dem du ein Problem hast. Du führst gerne Gespräche mit deinen Sportskameraden, mit vielen führst du ein freundschaftliches Verhältnis. Das Training in der Gruppe fällt dir leichter als alleine, du fühlst dich wohl, verdrängst die eigentliche Anstrengung.

Am liebsten verbringst du deine Zeit mit deinen Freunden. Spiele-Abende mit klassischen Brettspielen, gemeinsam Video-Spiele zocken, ein gemeinsames Essen, ein Kinobesuch oder einfach nur gemütliches Beisammensein. Du liebst die Interaktion mit Anderen, fühlst dich dabei wohl und geborgen. Eine gelungene Abwechslung zum anstrengenden Arbeits- und Trainings-Alltag unter der Woche.

Auf der Arbeit bist du meist auf dich gestellt. An deinem Projekt arbeitest du die meiste Zeit allein, der Austausch mit Kollegen über dein Themengebiet ist begrenzt. In den Pausen findet meist die einzige Konversation statt. Ansonsten besteht dein Arbeitstag hauptsächlich daraus dein Projekt voranzutreiben – die beste Software zu programmieren. Du implementierst ein neues Feature, fixt einen lästigen Bug, schreibst an einem Konzept für Erweiterungen und fertigst Entwürfe für das User-Interface an. All das machst du auf eigene Faust – wenig Rücksprache oder Austausch mit irgend jemanden, das Projekt-Team besteht schließlich nur aus einer Person.

Die Wege zum Training und zurück bist du in der Regel alleine. Im Winter ist es abends draußen dunkel, kalt und still. Viele Menschen sind nicht mehr unterwegs um diese Zeit. Nur selten hast du Begleitung, jemand der den gleichen Weg nimmt wie du. Du genießt die Konversation und die Gesellschaft, denn du weißt, morgen bist du auf dem Heimweg wahrscheinlich wieder alleine.

Du kannst deine Freunde nicht immer um dich haben. Auch sie haben Verpflichtungen, treffen sich mit Anderen oder brauchen Zeit für sich. Natürlich hast du dafür Verständnis, dennoch bedauerst du es keine Zeit mit ihnen verbringen zu können und, dass du im Zweifelsfall den Abend allein verbringen musst.

coding
App-Programmierung

Es gibt Tage an denen hast du keinerlei Kontakt zu den Kollegen. Du sitzt am Rechner, um dich herum Diskussionen, Debatten oder andere Gespräche – alles ohne dich, ohne Bezug zu deiner Arbeit. Als wärst du durch dein Projekt in einer Blase gefangen, die dich abschirmt vom Rest deiner Kollegen. Du versuchst dich auf deine Arbeit zu konzentrieren, musst die Störfaktoren um dich herum ausblenden. Die Wahl fällt auf den Kopfhörer und laute Musik. Es hilft dir bei deiner Arbeit, doch deine Umgebung nimmst du nur noch eingeschränkt wahr – im Endeffekt schirmst du dich nur noch weiter ab.

Ins Training gehst du immer gerne. Du befindest dich unter Menschen und kannst den Arbeits-Alltag hinter dir lassen. Manchmal allerdings fühlst du dich nicht als Teil der Gruppe. Um dich herum Gespräche, Diskussionen, Gelächter – doch alles findet ohne dich statt. Du findest keinen Bezug zum Gesprächsthema. Möchtest dich nicht aufdrängen, die Unterhaltung nicht stören oder gar unterbrechen. So kommt es, dass du still nebenher läufst oder einfach nur dabei stehst. In ein laufendes Gespräch miteinbezogen wirst du meist nicht. In diesen Momenten fühlst du dich ausgeschlossen – überflüssig.

Teilweise vergehen mehrere Wochen in denen du dich nicht mit deinen Freunden triffst. Niemand hat Zeit sich mit dir zu treffen. Es ist als wärst du der Einzige, der am Wochenende noch nichts vorhat. Alle anderen sind bereits verplant, treffen sich mit anderen Freunden, machen Urlaub, verbringen Zeit mit ihrem Partner.

Deine Arbeit ist gut, die Kollegen aus der eigenen Abteilung loben das Produkt, die Möglichkeiten die es bietet, die Erleichterungen. Außerhalb dieses Umfeldes jedoch findet deine Arbeit keinen Anklang. Jedesmal, wenn du ein neues Feature oder Änderungen, Erweiterungen für dein Projekt fertigstellst, gibst du dir alle Mühe deine Arbeit anderen näher zu bringen. Deine Idee, die Möglichkeiten, die Chancen. Du schreibst zusätzliche Dokumentationen um alle Neuerungen gezielt, ausführlich und dennoch übersichtlich zu erklären. Du hoffst auf Rückmeldungen, Anregungen, Verbesserungs-Vorschläge. Du wünscht dir, dass dein E-Mail Postfach überquillt mit einer Flut von Meinungen, Anmerkungen, Kritik. Im Endeffekt ein Trugschluss. Du erhälst keine E-Mails. Du führst keine Gespräche über das Projekt. Hast keine Meetings, keine Telefonate.

Beim abendlichen Sport im Verein kommt es vor, dass du während des gesamten Training keine Konversation hast. Niemand der dich anspricht. Sie alle befinden sich schon im Gespräch oder suchen nicht den Kontakt zu dir. So kann es sein, dass du ohne ein Wort zu sagen, ohne Unterhaltung wieder allein nach Hause fährst. Als wärst du gar nicht erst da gewesen.

gaming
Video-Games

Zuhause erwartet dich niemand. Den Rest des Abends verbringst du alleine. Deinen Freunden hast du schon vor Wochen geschrieben und sie gefragt ob sie nicht Lust hätten mal vorbei zu kommen – etwas zusammen zu machen. Zumeist kam als Antwort nur “zur Zeit eher schlecht” oder “die nächste Zeit schon verplant”. Viele versprechen, dass sie sich zeitnah nochmal bei dir melden. Spätestens nach zwei Wochen ohne eine Nachricht oder einen Anruf weisst du, dass das nicht passieren wird.

Kein Interesse an deiner Arbeit. Keine Bindung zur Gruppe im Training. Keine Einladungen von Freunden zu gemeinsamen Abenden. Als würde diese Gesellschaft, in der du dich täglich bewegst, an dir vorbeileben – dich ignorieren. Es sind diese Tage und Wochen in denen du dich einsam und überflüssig fühlst, traurig bist.

Du weisst, dass wieder bessere Zeiten kommen werden. Jemand will sich in deinem Projekt einbringen, will dir dabei helfen das Produkt ein Stückchen besser zu machen. Du wirst dich in Gesprächen wiederfinden beim Training und die Zeit um dich herum vergessen. Freunde laden dich zum gemeinsamen Kino-Abend ein, zum gemeinsamen Essen oder auf einen Geburtstag.

Doch im Moment fühlst du dich einsam. Allein unter Vielen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *